In meinen Fotokursen werde ich immer wieder gefragt, wie man das Wasser so schön glatt bekommt, einen mystischen Fließwassereffekt erzeugt oder wie man es hinbekommt, dass die Wolken so verwischt aussehen. Um solche Effekte erzielen zu können, bedarf es lange Belichtungszeiten. Wie genau das geht und wie du tolle Fotos mit Langzeitbelichtung am Tag hinbekommst, liest du in diesem Fotografie Tutorial.

daylight long exposure

f/7.1 | 20 sec | 16 mm | ISO 100 | ND 1000

INHALTSVERZEICHNIS

1. Grundsätzliches zur Belichtungszeit

Bevor ich in das Thema Langzeitbelichtung intensiv eintauche, gebe ich dir vorher ein paar grundlegende Infos zur Belichtungszeit. 

Was ist die Belichtungszeit?

Die Belichtungszeit (auch Verschlusszeit genannt) ist die Zeitspanne, in der der Verschluss der Kamera geöffnet ist, um Licht durch das Objektiv auf den Sensor fallen zu lassen. 

Je länger die Verschlusszeit ist, desto mehr Licht fällt auf den Sensor. Das heißt auch, je dunkler die Umgebung ist, desto länger muss die Belichtungszeit sein. Hingegen reicht bei hellem Tageslicht eine kurze Belichtungszeit.

Angezeigt wird die Belichtungszeit in Bruchteilen von Sekunden:

fotografieren lernen - Verschlusszeit

Was bewirkt die Belichtungszeit?

Wenn du eine kurze Belichtungszeit wählst (z.B. 1/250), sehen bewegte Motive in deinem Foto wie eingefroren aus. Mit einer kurzen Belichtungszeit (z.B. 1/2000) frierst du beispielsweise Wasser ein und siehst sogar die Tropfen ganz deutlich.

Wählst du hingegen eine längere Verschlusszeit (z.B. 1/15), verschwimmen bewegte Objekte. Menschen, die sich bewegen, sind verschwommen, während ihre Umgebung scharf dargestellt wird. Die Verschlusszeit ist ein sehr kreatives Gestaltungsmittel, mit dem du interessante Fotos gestalten kannst. 

f/5.6 | 1/500 sec | 200 mm | ISO 100

Das geht sogar so weit, dass du Menschen, die sich bewegen, mit einer langen Belichtungszeit sogar komplett verschwinden lässt. Aber nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Wasser ist die Verschlusszeit ein entscheidender Faktor der Gestaltung. Wählst du eine lange Belichtungszeit, kannst du Wasser als zarten Schleier erscheinen lassen (z.B. 1/8) oder sogar komplett glätten (z.B. ab 2s).

f/7.1 | 1.6 sec | 70 mm | ISO 100 | ND 64

Sieh selbst – der Unterschied zwischen kurzer und langer Belichtungszeit am Beispiel eines Wasserfalls

kurze Verschlusszeit
f/6.3 | 1/160 s | ISO 400 | 90 mm
lange Verschlusszeit
f/6.3 | 2,5 s | ISO 100 | 19 mm

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2. Fotografieren mit ND Filter

Jetzt hast du soeben gehört, dass eine lange Belichtungszeit viel Licht auf den Sensor fallen lässt. Wenn du eine Langzeitbelichtung am Tag machen möchtest, funktioniert das ohne Hilfsmittel nicht, denn dein Foto würde nur ein weißer Lichtfleck sein. Also brauchst du einen sogenannten ND Filter, auch Graufilter genannt. Der ND Filter ist gleichmäßig abgedunkelt und bewirkt so, dass die Lichtmenge, die auf den Sensor fällt, reduziert wird. Es gibt verschiedene Stärken des Graufilters. Du findest auf dem Filter meist zwei Angaben: Die Dichte und den Faktor Belichtungszeit. Die gängigsten Modelle sind ND8, ND64 und ND1000. Mit einem ND 3,0 Filter dunkelt das Bild um 10 Blenden ab und du kannst 1000 Mal länger belichten, als bei normalen Lichtverhältnissen.

NiSi ND Filter

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Um die Belichtungszeit, die du bei Einsatz mit einem ND Filter brauchst, zu eruieren, gibt es mehrere Möglichkeiten:

1. Du fotografierst mit dem Live-View Modus, der dir anzeigt, wie das Bild aussehen wird. Drehe das Rad, um die Belichtungszeit zu ändern und beobachte, wie sich die Helligkeit verändert. Bei Nikon Modellen musst du eventuell die „Exposure Preview“ auf on setzen, um die Veränderung zu sehen. Wie du das machst, siehst du in Derek’s Video:

2. Kalkuliere die Belichtungszeit mithilfe einer App für iPhone oder Android

3. Finde die korrekte Belichtungszeit auf einer Tabelle

exposure time with nd filter

4. Berechne die Belichtungszeit mithilfe der Formel Belichtungszeit x Faktor des Filters. Ein Beispiel: Die Belichtungszeit ohne Filter würde 1/10 Sekunden betragen und du fotografierst mit einem ND 3.0 Filter. ND 3.0 Filter haben den Faktor 1000, das bedeutet, du multiplizierst die 1/10 Sekunden mit 1000 und erhältst eine Belichtungszeit von 100 Sekunden.

Ich persönlich arbeite am liebsten mit der Variante 1, dem Life-View Modus. 

3. Ein paar Beispiele für Langzeitbelichtungen am Tag

Verschwommene Wolken und intensive Farben zum Sonnenuntergang
f/8 | 91 sec | 31 mm | ISO 100 | ND 1000

daylight long exposure

Extrem flaches Wasser
f/10 | 68 sec | 17 mm | ISO 160 | ND 1000

Halte die Bewegung und Dynamik fest
f/6.3 | 6 sec | 35 mm | ISO 320 | ND 64

daylight long exposure

Ein fast schon gemahlener Effekt vom Wasser und dem Gondoliere
f/7.1 | 2.5 sec | 84 mm | ISO 100 | ND 1000

Vienna Summerlocation Museumsquartier

Verwischte Wolke
f/9 | 25 sec | 19 mm | ISO 100 | ND 1000

4. Langzeitbelichtung mit ND Filter: Schritt-für-Schritt Anleitung

Wie genau ich an eine Langzeitbelichtung herangehe, zeige ich dir hier in dieser Schritt-für-Schritt Anleitung:

Schritt 1:
Montiere deine Kamera auf das Stativ und suche die Position, von der du dein Motiv fotografieren möchtest. Stelle sicher, dass das Stativ stabil steht. Falls es windig ist, hänge deinen Rucksack an den Haken des Stativs, um es noch stabiler zu machen. Blicke durch den Sucher und justiere das Stativ so, dass du deinen gewünschten Bildausschnitt hast. 

Step 2:
Drehe das Motivwahlrad auf M, den manuellen Modus und wähle dann die Blende, mit der du dein Motiv fotografieren möchtest. In der Landschaftsfotografie wählst du am besten eine Blende zwischen f/8 und f/13. Wenn du noch Hilfe bei der manuellen Belichtung benötigst, darf ich dir hier an dieser Stelle mein eBook für Fotografie Einsteiger empfehlen.

Schritt 3:
Stelle jetzt den Auslöser auf 2-Sekunden. Die zwei Sekunden Vorlaufzeit geben dem Stativ mit der Kamera die Zeit, sich vom manuellen Auslösen zu erholen. Das verhindert Verwackelungen. Statt dem Selbstauslöser kannst du auch einen Fernauslöser benützen.

Schritt 4:
Schalte den Bildstabilisator auf deinem Objektiv aus. Der Stabilisator sorgt dafür, Verwackelungen auszugleichen. Wenn du mit Stativ fotografierst, kann er möglicherweise für eine leichte Unschärfe deiner Bilder verantwortlich sein. 

Schritt 5:
Wenn du mit einem ND 3.0 Filter fotografierst, also 1000 Mal länger belichtest, empfehle ich, auch die Spiegelvorauslösung bei Spiegelreflexkameras zu aktivieren. 

Schritt 6: 
Schalte in den Live-View Modus und setze den Fokuspunkt an die gewünschte Stelle. In der Regel fokussierst du bei Landschaften circa ein Drittel ins Bild. Sobald du den Auslöser halb durchdrückst, misst die Kamera die Belichtung. Schaue auf die Skala und drehe so lange an der Belichtungszeit, bis der Pfeil auf der Skala auf Null ist. Das wäre die Belichtungszeit, die du ohne ND Filter für eine korrekte Belichtung brauchst – unter der Annahme, dass die Lichtverhältnisse „normal“ sind und es keine großen Abweichungen zwischen hell und dunkel gibt. 

Schritt 7:
Schraube den ND Filter auf das Objektiv. Jetzt siehst du auf dem Display erst einmal gar nichts. Drehe wieder so lange am Rad, das die Belichtungszeit einstellt, bis du am Display dein Motiv erkennst. Wenn es die gewünschte Helligkeit hat, löse aus. Bei Nikon Modellen musst du möglicherweise die Exposure Preview auf ON setzen – siehe dazu noch einmal den Link mit der Anleitung im Teil Fotografieren mit Filter. 

Der Live-View Modus ermöglicht dir, deinen Bildausschnitt trotz angebrachtem ND Filter zu verändern oder den Fokus anders zu setzen. Probiere mehrere Bildausschnitte von deinem Motiv auch mit minimalen Veränderungen der Belichtungszeiten. 

daylight long exposure

f/5.6 | 5 sec | 20 mm | ISO 100 | ND 1000

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5. Bulb Modus - Länger als 30 Sekunden belichten

Wenn du gegen Einbruch der Dunkelheit fotografierst und einen ND Filter benützt, reichen 30 Sekunden Belichtung, die du im manuellen Modus einstellen kannst, möglicherweise nicht aus. Kein Sorge – natürlich ist bei 30 Sekunden noch nicht Schluss. Für längere Belichtungszeiten gibt es den Bulb Modus. Du findest ein B auf dem Motivwahlrad. Wenn du im B-Modus fotografierst, bleibt der Verschluss so lange geöffnet, wie du den Auslöser hältst. Somit sind Langzeitbelichtungen bis zu mehreren Stunden möglich. Den Bulb Modus kannst du allerdings nur mit einer Fernbedienung bzw. mit Fernauslöser bedienen. 

Und so geht’s Schritt-für-Schritt:

Schritt 1:
Dieser Schritt bleibt gleich – Kamera auf das Stativ und Motiv suchen. 

Schritt 2:
Drehe das Motivwahlrad auf B, den Bulb-Modus und wähle dann die Blende, mit der du dein Motiv fotografieren möchtest. 

Schritt 3:
Stelle jetzt den Auslöser auf 2-Sekunden, um die Fernbedienung bzw. den Fernauslöser zu benützen.

Schritt 4:
Schalte den Bildstabilisator auf deinem Objektiv aus. Der Stabilisator sorgt dafür, Verwackelungen auszugleichen. Wenn du mit Stativ fotografierst, kann er möglicherweise für eine leichte Unschärfe deiner Bilder verantwortlich sein. 

Schritt 5:
Wenn du mit einem ND 3.0 Filter fotografierst, also 1000 Mal länger belichtest, empfehle ich, auch die Spiegelvorauslösung bei Spiegelreflexkameras zu aktivieren. 

Schritt 6: 
Schalte in den Live-View Modus, wechsle in den manuellen Fokus,  und setze den Fokuspunkt an die gewünschte Stelle. In der Regel fokussierst du bei Landschaften circa ein Drittel ins Bild. Drücke auf die Lupe mit dem + und drehe am Fokusring so lange, bis dein Motiv scharf gestellt ist. Sobald du den Auslöser halb durchdrückst, misst die Kamera die Belichtung. Schaue auf die Skala und drehe so lange an der Belichtungszeit, bis der Pfeil auf der Skala auf Null ist. Das wäre die Belichtungszeit, die du ohne ND Filter für eine korrekte Belichtung brauchst – unter der Annahme, dass die Lichtverhältnisse „normal“ sind und es keine großen Abweichungen zwischen hell und dunkel gibt. 

Schritt 7:
Schraube den ND Filter auf das Objektiv und kalkuliere die Belichtungszeit mithilfe der obigen Hilfsmittel. Zu Beginn ist die App vielleicht am einfachsten zu bedienen. Drehe das Rad für die Belichtungszeit bis du zum Ergebnis der Kalkulation kommst. Drücke den Auslöser der Fernbedienung, stoppe die Zeit mit und drück den Auslöser wieder, sobald die kalkulierte Zeit erreicht ist. Wie ist das Ergebnis? Es bedarf vielleicht ein paar Versuche, bis du die optimale Belichtung erreicht hast. Du bekommst mit der Zeit aber ein gutes Gespür und brauchst irgendwann gar keine App mehr, sondern stellst die Zeit nach Gefühl ein. 

day light long exposure

f/10 | 203 sec | 23 mm | ISO 200 | ND 1000

Noch drei Tipps für Langzeitbelichtungen:

Bei sehr langen Belichtungen können sogenannte Hotpixel entsehen, das sind rote und blaue Punkte in deinem Bild. Decke den Sucher mit der meistens am Kameragurt befestigten Sucherkappe ab. Damit verhinderst du, dass über den Sucher Licht eindringt. In der Astrofotografie werden sogenannte Dunkelbilder, auch Darkframes gennant, gemacht, um die Hotpixel zu vermeiden. Ein Dunkelbilder machst du, in dem du das Objektiv mit der Objektivkappe abdeckst und genau so lange belichten, wie die Originalaufnahme. Es empfiehlt sich, vor und nach der Aufnahme jeweils drei Dunkelbilder zu machen.

Die Kameras haben die Option der Rauschreduzierung bei langen Belichtungen. Ich stelle diese Option immer aus, da diese Reduzierung genau so lange dauert, wie die eigentliche Belichtung. 

Beachte, dass es durch den Einsatz von Graufiltern, vor allem dem ND1000, zu Farbstichen kommen kann. Ich konnte das beim NiSi ND 1000 nicht feststellen. Dennoch solltest du in RAW fotografieren, um diesen in der Nachbearbeitung korrigieren zu können.

7. Langzeitbelichtung von Menschen

Eine Langzeitbelichtung bedeutet nicht immer, mehrere Sekunden zu belichten. Wir reden auch schon ab ca. 1/15 Sekunden von längerer Belichtung. Für den Menschen ist 1/15 Sekunde sehr kurz, für die Kamera schon sehr lang. Fotografierst du einen Menschen in Bewegung, wird dieser verschwommen dargestellt. 

Lange Belichtungszeiten eignen sich sehr gut, die Dynamik von Menschen zu zeigen. Fotografierst du ein markantes Bauwerk, macht es sich sehr gut, wenn du verschwommene Menschen darauf einfängst. Hetzende Menschen in der Stadt sind ein gutes Motiv, wenn du sie nicht einfrierst. Durch die Statik der Gebäude im Hintergrund, gibst du dem Foto durch die verschwommenen Menschen eine Dynamik. 

Bist du auf Reisen und möchtest eine viel besuchte Sehenswürdigkeit möglichst ohne Menschen aufnehmen? Dann schraube den Graufilter auf dein Objektiv und belichte so lange, bis die Menschen aus dem Bild „gezaubert“ sind. Das funktioniert allerdings nur, wenn sich die Menschen bewegen. Seit Instagram und dem Selfie-Hype klappt das leider nicht mehr 😉 

f/11 | 20 s | ISO 100 | 105 mm | ND 1000